Erster Tag in der Fundación


In der Wohnung ist es echt kalt. In der Nacht habe ich gefroren. Ich bin mehrmals erwacht – einmal wegen eines Hundekampfs draussen (die Hunde hören dann echt nicht mehr auf zu bellen …), später – morgens um 5 Uhr – dank des Verkaufwägleinmannes mit seinem Geschrei: „Peeeeeescaaaadoooo – Peeeescaaaadooooo“ (Fisch)!

Ich frühstückte im Bett noch eine meiner Notfalls-Proviant-Pausemäuse und machte mich dann bereit für die Arbeit! Am morgen lernte ich Carmen und Jessi kennen – die waren gerade von der Ladys-Night in der Stadt zurückgekommen – sichtlich erschöpft. Wir haben uns kurz vorgestellt, etwas von der Arbeit gesprochen und uns mit den Worten verabschiedet, uns gleich im Projekt zu sehen. Beni war so nett, mich am ersten Tag zu begleiten und mir alles zu zeigen.

Der Weg von der Wohnung zur Fundacion habe ich mir ein bisschen anders vorgestellt – zunächst geht’s noch ein bisschen der Strasse entlang. Die Gebäude sehen ziemlich heruntergekommen aus – alles ist irgendwie grau und düster, dazu ist es noch sehr neblig … auf der Strasse ein paar streunende Hunde (anscheinend gehören die alle jemandem – was ich jedoch bezweifle). Und plötzlich geht’s von der Strasse ab auf einen kleinen Wanderweg eine Wiese hinunter – speziell. Ich natürlich noch bepackt mit dem gefühlten 20 Kilo Handgepäck, indem alles Material für die Kinder ist – Beni nimmt es mir dann gottseidank für den steilen Hang ab. Und schon stehen wir vor dem Tor zur Fundacion. Als erstes erblicke ich ein in fröhlich stimmendem orange gestrichenes Gebäude – die Fundacion und dann den genialen Spielplatz auf drei Ebenen, ein kleines Hühnergehege und einen kleinen Garten. Auf dem Spielplatz lerne ich dann auch direkt Jessica (trabajadora social) kennen – eine Belgierin, die fliessend deutsch spricht, schweizerdeutsch versteht und seit einiger Zeit in Ecuador lebt und für die Fundación arbeitet.

Beni führt mich durch alle Räume und erklärt mir ein bisschen den Tagesablauf – da kommen auch schon die ersten Kinder. Lässig klatschen sie Beni zur Begrüssung ein, auch mir klatschen sie ein, mustern mich aber sehr genau und einige fragen auch sofort „como te llamas?“ (wie heisst du, wer bist du).

Die Fundación beeindruckt mich – die beiden Räume für die Hausaufgaben, die „sala de los juegos“ (Spielzimmer), die Küche … ein bisschen komisch habe ich wahrscheinlich drein geschaut, als Beni mir das Plumsklo präsentierte, bei dem man mit Holzspänen „spülen“ muss.

Dann plötzlich sitzen 20 Kinder im Hausaufgabenraum – viele schauen mich verstohlen an, einige sind ganz offen und rufen mir bereits zu „ayuuuudamee“ (hiilf mir)! Ich habe schnell einen guten Draht zu den Kindern – frage sie nach ihren Namen, wie alt sie seien, was sie machen müssen. Dass die Kinder sehr arm sind, fällt erst auf den zweiten Blick auf, denn auf den ersten Blick sieht man nur das strahlende Kinderlächeln, wache glänzende Augen … aber natürlich, wenn man länger hinschaut, fallen die schmutzigen Klamotten auf, die kaputten Schuhe, die zerrissenen Ärmel, die zu kurzen Hosen, die zu kleinen oder zu grossen T-Shirts, die fehlenden warmen Pullis (obwohl recht kühl war), die gebrauchten Schulsäcke … Mitleid und Traurigkeit überkommen mich – ein „ayuuudaamee“ schreckt mich aus meinen Gedanken – bald schon sitze ich an einem der Tischchen, überall um mich Kinder. Ich soll ihnen bei den Hausaufgaben helfen.

 

Um neun Uhr stürmen plötzlich alle Kinder hinaus ans Lavabo, um sich gründlich die Hände zu waschen: el refrigerio esta listo (der Zwischenimbiss ist bereit). Da viele Kinder zuhause kein Frühstück bekommen, hat die Fundación das „refrigerio“ eingeführt. Alle Kinder kriegen einen kleinen Imbiss, meist eine Frucht oder Brot etc. sowie etwas zu trinken. Danach geht’s gestärkt an die Hausaufgaben. Wer die Hausaufgaben fertig hat, kriegt „refuerzos“ (Zusatzaufgaben) zu dem Bereich, wo sie in den Hausaufgaben am meisten Mühe hatten, dann können sie spielen gehen. Die Kinder lieben vor allem auf dem tollen Spielplatz fangen zu spielen.

Das Wichtigste ist eigentlich, dass die Kinder die Hausaufgaben gemacht haben und diese korrekt und sauber sind. Ist dem nämlich nicht so, werden die Kinder zuhause geschlagen. Die Eltern der Kinder haben meist eine sehr tiefe oder gar keine Bildung, zudem sind viele alkoholkrank und von der Arbeit übermüdet. Sehen sie, dass die Kinder die Hausaufgaben nicht gemacht haben und schlechte Noten kriegen, denken sie, durch schlagen sie dazu zu bringen, sie zu machen. Die Kinder machen die Aufgaben dann jedoch oft falsch, unter Druck und eingeschüchtert und weil sie oft gar nicht verstehen, was sie machen sollen. Und die Eltern können das nicht kontrollieren, da sie es selber nicht verstehen. Die Konsequenz davon ist, dass die Kinder auch in der Schule geschlagen werden, von den überforderten Lehrpersonen, die meist Klassen zwischen 40 und 50 Schülerinnen und Schülern zu unterrichten haben. Die Hausaufgabenhilfe in der Fundación soll eigentlich diesem Teufelskreis entgegenwirken und viel Konfliktpotential aus den Familien nehmen. Denn wenn die Kinder die Aufgaben gut und richtig haben, kriegen sie gute Noten und die Eltern haben keinen Grund sie zu schlagen …

Um halb 12 Uhr müssen die Kinder dann vom Spielplatz zurückgepfiffen werden – wieder stürmen alle zum Lavabo und waschen sich. Im Wettlauf geht es dann ins Erdgeschoss, wo auch die Küche ist. Jedes Kind schnappt sich einen Stuhl, einen Teller Reis und was es dazu gibt. Nach dem Essen geht’s gemeinsam zum Zähneputzen. Aufgereiht an einer Mauer sollen sich alle gründlich die Zähne putzen. Und dann machen sich die „Vormittägler“ auf den Schulweg, der zwischen 30 Minuten und einer Stunde dauert. Zu Fuss. Der Autobahn entlang. Mit einem schweren Schulsack bepackt.

Said, ein kleiner Junge der Fundación, hat mich mal gefragt, ob wir in der Schweiz solche Schliessfächer hätten. Er hätte das mal in einem amerikanischen Film gesehen und gedacht, das wäre doch noch praktisch für sie, dann müssten sie nicht so viel Gewicht eine Stunde zur Schule und zurück schleppen. Das hat mich fast zu Tränen gerührt. Aber natürlich müssen die armen Kinder hundert Schulbücher, die sie dann vielleicht gar nicht brauchen, täglich zur Schule und wieder Heim schleppen …

Wenn die Kinder weg sind, putzen wir Volontäre die Zimmer, die meist ziemlich schmutzig sind, da alle mit ihren schmutzigen Schuhen da hinein- und hinausgehen. Dann kriegen auch wir zu essen. Danach können wir die Dinge für den Nachmittag vorbereiten.

Je nach Dauer des Schulwegs trudeln dann nach wie nach die „Nachmittägler“ ein. Nach dem Händewaschen kriegen auch sie das Mittagessen. Wer fertig ist, will meist sofort in die sala de los juegos, um etwas zu spielen. Hellbegeistert spielten sie mit mir Eile mit Weile oder das Leiterli-Spiel, bevor sie dann um 14.20 Uhr zum Zähneputzen müssen und dann in den Hausaufgabenraum zum arbeiten. Fleissig machen sich die meisten an die Arbeit, aus allen Ecken erklingt jedoch dauernd ein flehendes „ayuuudaaameee“.

Am Morgen kommen 20–25 Kinder – die werden alle im Saal im ersten Stock betreut. Am Nachmittag kommen über 40 Kinder. Davon werden die „Kleinen“ (Erst- und Zweitklässler) unten betreut, unter der Aufsicht der Señora Alba (Alba ist die Frau von Marco – gemeinsam haben sie das Projekt ins Leben gerufen und führen es nun seit bald 15 Jahren). Die „Grossen“ (bis zur achten Klasse) machen die Aufgaben unter der Aufsicht von Paul im Saal im ersten Stock. Es hilft jeweils mindestens ein Volontär, eine Volontärin oben und eine/einer unten.

Um 17.00 Uhr gibt’s wieder für alle einen Zwischenimbiss (auch in Hinsicht darauf, dass einige zuhause kein Abendessen kriegen). Um 18 Uhr werden alle Kinder auf den Heimweg geschickt, die Räume geputzt und dann gehen auch wir heim. Viele Kinder kommen, um mich zur Verabschiedung zu umarmen und mir fragend „hasta mañana“ zu sagen. Die Kinder sind so lieb, herzlich und offen. Ich spüre gleich, wie sehr sie es schätzen, ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen, einen liebevollen Schulterschlag oder ein aufmunterndes Rückenklopfen.

Mit Carmen laufe ich todmüde nach meinem ersten Arbeitstag Richtung Volontärs-Wg. Unterwegs erzählt sie mir ein paar ziemlich schockierende Geschichten. So fragte sie mich zum Beispiel: Ist dir S aufgefallen? Sie hat mir das Mädchen beschrieben, da es für mich unmöglich war, mir 65 Namen und die dazugehörigen Gesichter zu merken. Dieses arme Mädchen ist 13 Jahre alt und hat ein sechs Monate altes Baby – mit 12 vom Nachbarn geschwängert worden, der zudem der Verlobte der Cousine ist und wie es scheint straflos davon gekommen ist. Das Mädchen ist sich der Misshandlung vermutlich gar nicht bewusst. Sexualität ist hier ein Tabuthema und viele Kinder wissen gar nicht was diesbezüglich richtig und was falsch ist. Ich musste leer schlucken …

 

Wir kochen Pasta mit einer Tomaten-Rüebli-Sauce, reden über den Tag, die Eindrücke, Erfahrungen. Gesprächsstoff sind unter anderem meine sprachlichen „Verpatzer“. Viele Kinder fragten mich bereits nach wenigen Worten, „eres española?“ (bist du Spanierin). Mein spanischer Akzent fällt allen auf, auch die Wörter die ich brauche, die für sie nicht gebräuchlich sind. So habe ich zum Beispiel einem Mädchen, als ich sie zum ersten Mal sah, gesagt „aiii que mona eres“ (in Spanien: ach, wie süss bist den du – in Südamerika: was für ein Äffchen du bist; da mono auch Affe heisst). Sogar ein bisschen wütend schaut sie mich an und wendet sich sofort von mir ab – ojeh!

Am Nachmittag sage ich auch zu einer Gruppe Kinder, mit denen ich Hausaufgaben mache (die Hausaufgaben bestanden darin, 3 Seiten aus dem Geobuch abzuschreiben – so etwas Dämliches …), „estos deberes son una mierda“ (in Spanien, bzw. meine spanischen Freundinnen sagten dies oft, ich habe es immer verstanden als soviel wie: diese Hausaufgaben sind echt scheisse) – vor Entsetzen aufgerissene Augen starren mich an, „que has dicho?“ (was hast du eben gesagt?) und ich Dummkopf wiederhole es sogar nochmals „que estos deberes son una mierda“. Völlig schockiert erklären mir die Kinder, dass man das Wort „mierda“ hier nicht verwendet, dass es ganz ganz ein schlimmes Wort ist. Ups. Tolles Vorbild Stefanie. Hoffentlich erzählen sie das nicht daheim, denke ich nur … leicht beschämt …

Des Weiteren sage ich auch guay oder chulo anstelle von chevere, dime anstatt mande, ich benutze die vosotros-Form, die in Südamerika gar nicht verwendet wird … ich merke, dass ich was die Sprache betrifft mir hier einiges angewöhnen bzw. abgewöhnen muss, um verständlich und korrekt zu sprechen ;-)

Jessi macht eine leckere Torte, da am Freitag ihr letzter Tag mit den Kindern ist. Zum Abendessen laden wir dann auch M und S ein, sie sind die Pflegekinder von Marco, wie ich an dem Abend erfahren habe. Fast zehn Jahre haben sie bei Alba und Marco gelebt. Nun da sie volljährig sind, haben sie eine eigene Wohnung im Barrio. Die Eltern sind exzessive Alkoholiker gewesen und daran gestorben …

Ein Wunder konnte ich schlafen, nach all diesen Eindrücken, die verarbeitet werden mussten …

 

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