Die 13-jährige Mama

Für den Abend hat Alba angekündigt, dass sie sich mit einem Mädchen der Fundación und ihren Eltern in unserer Wohnung (die liegt dafür geeigneter als die Fundación) treffen möchte, um einiges bezüglich der Tochter und ihrem Baby zu besprechen. Die Eltern dieses Mädchens sind dann aber nicht aufgetaucht. So war nur das Mädchen mit ihrem Baby und ihre Schwester sowie Alba bei uns. Das Mädchen ist 13 Jahre alt und hat ein sechs Monate altes Baby … In den Mann, der sie geschwängert hat, den 26-jährigen Verlobten ihrer Cousine, die zwei Monate nach ihr auch ein Baby auf die Welt gebracht hat, war sie anscheinend verliebt. Eine Straftat wäre es natürlich dennoch, denn die Kleine war ja noch ein Kind … Jetzt kümmert sich dieser natürlich aber nicht um das Kind … Das Mädchen ist mit der Erziehung ihres Babys total überfordert. Sie weiss einfach nicht richtig, wie sich um das Kind kümmern – das ist offensichtlich.

 

Die Familie dieses Mädchens lebt in einem „Haus“, das vier undichte Mauern hat, ein Wellblechdach und Erde als Boden. Anstatt Scheiben, Plastik und keine richtige Haustüre. Neun Personen leben in diesem „Haus“. Ich lebe hier im Barrio in einer – für das Barrio – ziemlich guten Wohnung und ich friere mir hier tagein tagaus den Arsch ab. Ich schlafe noch immer mit zwei Paar Hosen, zwei Pullis und einem Schal, zusätzlich zu den fünf Wolldecken mit denen ich mich bedecke. Ich will mir also gar nicht vorstellen, wie kalt es in dem „Haus“ dieser armen Familie sein muss … Auch aus diesem Grund hat das Baby nun eine schwere Lungenentzündung. Der Plan wäre eigentlich, das Kind und die Mutter in einem Mutter-Kind-Haus unterzubringen. Dazu braucht man aber das Einverständnis der Eltern – das ziemlich schwer zu kriegen ist, wenn sie nie zu sehen sind. Alba macht mit dem Baby hier bei uns so eine Therapie mit einer Maschine, um seine Lungen zu säubern und verabreicht ihm dann noch Medizin. Auch das Mädchen hustet ziemlich schlimm. Ich gebe ihr eine Tablette gegen Erkältungshusten und Schmerzen. Alba bietet ihnen an, das Kind bei sich in der Wohnung zu behalten, bis es ihm besser geht – die Ärzte haben nämlich sogar gesagt, der Kleine könnte sterben, wenn er noch länger dieser Kälte ausgesetzt ist. Doch das will das Mädchen nicht – die Eltern würden es auch nicht zulassen. Wir warten noch einige Zeit auf die Eltern – vergeblich. Es ist Freitag, da ist der Vater wahrscheinlich irgendwo am saufen oder schon besoffen.

 

Alba bleibt dann noch ein bisschen bei uns. Ich habe es super gefunden, mal ein bisschen in Ruhe mit ihr zu sprechen. Sie ist eine faszinierende Frau. Was sie alles für die Familien in diesem Viertel tut, ist bewundernswert. Dafür muss man einen starken Charakter haben. Doch was sie mir über die Familienverhältnisse von anderen Kindern erzählt hat, bescherte mir eine schlaflose Nacht. Seit zwei Wochen arbeite ich bald mit den Kindern, und dann zu erfahren, was einige durchgemacht haben oder tagtäglich durchmachen, ist nur schwer zu verkraften. Viele Kinder haben kriminelle Väter, die sogar im Knast sitzen, haben ältere Geschwister, die sie regelmässig verprügeln, hilflose Mütter, die selbst verprügelt werden oder aus Verzweiflung zu trinken beginnen … Das alles ist ein verfluchter Teufelskreis.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0