Ein Glück sind Stalin und Lenin keine Brüder …


„La Nicole necesita ayuda“ (Nicole braucht Hilfe) – ich überlege einen Moment, doch mir kommt niemand in den Sinn, die Nicole heisst – „Nicole?“ – „Pues si, Nicole, ah o la Alyson“ (Ja, Nicole – ah oder Alyson). Aha, jetzt ist alles klar, Alyson kenne ich nämlich. Hier ist es so, dass jedes Kind insgesamt vier Namen hat. Zwei Vornamen – die sie beide je nach Lust und Laune gebrauchen. Manchmal nennen sie sich oder auch die anderen beim einen Namen, manchmal beim anderen … Zudem haben alle zwei Nachnamen – den vom Papa und den von der Mama. Und manchmal werden die Kinder auch beim Nachnamen gerufen. Ich musste mir also in kurzer Zeit nicht einfach 65 Vornamen merken, sondern insgesamt fast 200 Namen …

Hinzu kommt, dass die Kinder nicht wie erwartet typische spanische Namen haben. Ich erwartete Javiers, Fernandos, Marias, Valentinas etc. kennenzulernen. Doch dem ist nicht so. Ich spiele jetzt mit kleinen Stevens und Natalys. Wahrscheinlich vom amerikanischen TV inspiriert, tauften die Eltern ihre Kinder auf Namen wie – um nur einige zu nennen: Jefferson, Anderson, Lesly, Widinson, Lenin – und wir haben sogar einen Stalin!?

Ein Glück nur sind Stalin und Lenin keine Brüder ;-) – sondern nur Freunde.

 

Es dauerte auch einige Zeit, bis ich die Familienverhältnisse einigermassen im Griff hatte … Wer ist nun die Schwester von wem und wer ist jetzt schon wieder der Cousin von dem? Das ist noch schwierig, da manchmal Geschwister, die zwei Jahre Altersunterschied haben, in derselben Klasse sind. Da sie zum Beispiel lange nicht eingeschult wurden (manche eingeborene Familien sind immer noch der Ansicht, dass Mädchen doch nicht zur Schule gehen müssen …) und dann halt – manchmal auch durch den Einsatz der Fundación – gleichzeitig mit der Schule beginnen. Mittlerweile kenne ich zum Glück die Verbindungen relativ gut.

 

Kürzlich durfte ich auch bei einer reunión de los padres (Sitzung für die Eltern) dabei sein. Diese findet immer einmal im Monat statt. Es wird über neue Sachen in der Fundación informiert, generell an die Eltern appelliert, auch zuhause Verantwortung für die Kinder zu übernehmen, ihre Hausaufgaben zu kontrollieren, sie regelmässig in die Fundación zu schicken, die Noten zu liefern etc. Nach der reunión haben die Eltern dann noch Gelegenheit, individuell mit Alba oder Paul zu sprechen und sich über ihr Kind zu erkundigen, wie es sich macht, wo es Probleme hat … Dieses Bedürfnis war erstaunlicherweise ziemlich gross – fast alle Elternteile wollten noch mit Alba über ihr Kind sprechen. Ich war wirklich positiv überrascht, dass erstens so viele der Eltern aufgetaucht sind (wo man ja ständig nur hört, dass sich die Eltern nicht kümmern) und dass sie sich dann noch erkundigt haben.

Es war spannend zu sehen, wie die Eltern dieser Kinder aussehen, wie sie sind … Von vielen Kindern ist nur ein Elternteil oder eine Grossmama gekommen. Viele leben natürlich auch nur noch mit der Mama, oder mit einer Tante oder bei der Oma. Aber die sahen freundlich aus … unvorstellbar, dass sie die Kinder schlagen oder so.

Nicht erstaunt hat mich, dass die Eltern der „Problemfälle“ nicht aufgetaucht sind … Jene, für die es gerade sehr wichtig wäre, zu kommen und mit Alba zu sprechen. Die Eltern genau jener Kinder, die viele Probleme haben – zuhause, in der Schule … Naja, kommt ja eben nicht von nichts …

 

Die Mama von O hat an dem Abend ziemlich meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Eine kleine junge Frau in traditioneller Eingeborenerkleidung: Ein Jupe, Kniestrümpfe, ein Tuch um die Schultern und der typische Hut. Auf den Rücken hatte sei ein Baby gebunden – mit einem Tuch, wie man es hier oft sieht. Die Frauen binden hier ihre Babys mit so einer speziellen Technik auf den Rücken und tragen sie dann den ganzen Tag mit sich herum … die Kleinen sind während der Arbeit auf dem Rücken, während sie einkaufen … einfach immer. Es ist ein spezielles Bild, eine Frau auf einer Baustelle arbeiten zu sehen, mit einem Baby auf dem Rücken. Sie wirkte schüchtern. Während der reunión quengelte das Baby ein bisschen, so nahm sie es nach vorne und stillte es in aller Ruhe (das ist hier auch normal … im Bus, auf dem Fussballplatz, überall … packen die Frauen ihre Brüste ziemlich offen aus und füttern ihre Kinder …). Nach der reunión wartete sie mit dem quengelnden Baby sicher eine halbe Stunde und sprach als letzte noch mit Alba über ihren Jungen … irgendwie beeindruckte mich das.


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Kommentare: 1
  • #1

    Rosmarie (Sonntag, 03 April 2016 06:01)

    Interessant