Das selbstlose Dasein einer "Monja"

Sie sei sehr glücklich und zufrieden mit ihrem Dasein als Klosterfrau, erzählt mir J, meine neue Englischschülerin. Ihr gefalle besonders der Aspekt, dass sie all ihre Zeit dafür investieren könne, anderen Menschen zu helfen. Sie müsse nie daran denken, für einen Mann oder für Kinder da zu sein. Sie sei quasi Volontärin für immer … Sie hat auch als Volontärin bei der Fundación gearbeitet, vor vielen Jahren. Ob ich mir denn nie überlegt hätte, ins Kloster zu gehen, fragte sie mich. Hmm … nein, auf diesen Gedanken kam ich tatsächlich nie.

Ihre Familie sei eigentlich gar nicht sehr religiös. Die Eltern würden nur an Weihnachten und an Ostern in die Kirchen gehen. Von ihrem Entscheid, ein religiöses Leben zu führen, waren sie nicht wirklich begeistert. Ihr Vater sagte ihr sogar, wenn sie wirklich gehe, sei sie für ihn gestorben … Doch nicht einmal das liess sie davon abhalten, diesen Weg zu gehen. Heute hätte sie ein sehr gutes Verhältnis zu ihren Eltern und auch zu ihren Geschwistern. Sie werde bewundert, für das was sie mache und ihre Familie sei sehr stolz auf sie.

Während unseres Gesprächs vergass ich, dass sie eine Klosterfrau ist bzw. sie erfüllte überhaupt nicht die Kriterien, die ich mir bei einer Klosterfrau vorstelle. Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich wirklich mit einer Klosterfrau persönlich ein Gespräch führte. Und es war sehr interessant. Sie ist eine sehr spannende junge Frau und wir konnten super quatschen.

Eigentlich ist sie Primarlehrerin. Sie unterrichtet auch immer wieder an Schulen, wenn sie nicht gerade in einer Mission unterwegs ist. Sie reist sehr viel und arbeitet bei vielen Aktivitäten für Jugendliche mit.

Ihr nächstes Projekt wird sein, für ein Jahr auf die Philippinen zu gehen, um dort zu missionieren. Wobei missionieren nicht so zu verstehen ist, denen da den katholischen Glauben aufzudrängen, hat sie mir erklärt. Missionieren bedeutet einfach, dort wie eine Volontärin in Hilfsprojekten mitzuhelfen. Dafür muss sie jetzt Englisch lernen – und da komme ich ins Spiel. Ich habe jetzt 6 Wochen jeweils samstags zwei Stunden Zeit, ihr Englisch-Niveau so zu verbessern, dass sie verstehen und kommunizieren kann. Zum Glück hat sie schon ein einigermassen gutes Basiswissen, wo wir nun aufbauen können. Und sie ist sehr motiviert.

Sie lebt im Zentrum von Quito mit drei anderen Schwestern. Es sei so, wie in einer WG zu leben. Im Kloster hätte man alles, was man brauche. Ein Zimmer, Möbel, Essen, Kleider, ein Auto, allerlei … Gleichzeitig hätte man aber auch nichts, da alles allen gehört (ausser die Kleider und die persönlichen Gegenstände die man mitbringt). Verlässt man das eine „Kloster-Haus“, um in ein anderes zu gehen, lässt man alles ausser den persönlichen Gegenständen da – hat also nichts mehr – und kriegt dann neues Zeug.

Das meiste habe ich erfahren, indem ich ihr auf Englisch einfache Fragen gestellt habe und sie mir auf Englisch antworten sollte. Das war eine gute Möglichkeit, um herauszufinden, wie gut sie versteht und wie sie sprechen kann.

Nächsten Samstag kann sie leider nicht kommen, da sie bald in ein „7-tägiges-Gebet“ – quasi so wie eine Meditation – eintritt. Diese Woche nutzt sie, um zu beten, zu meditieren, sie wird mit niemandem sprechen und nur wenig essen … Ich stelle mir das noch spannend vor, sich mal eine Woche von allem zurückzuziehen und so wenig wie möglich zu sprechen. Ich glaube, ich würde das gerne mal ausprobieren – ob das aber nicht todlangweilig ist!?

Ah, und generell betet sie gar nicht so oft, wie ich mir das bei einer Klosterfrau immer vorgestellt habe. Am morgen wird jeweils eine Stunde allein gebetet und 30 Minuten mit den Schwestern und am Abend vor dem Schlafen betet man nochmals 45 Minuten gemeinsam. Und das wär’s. Zwischendurch gehen alle ganz normalen Job’s nach.

Ich bin also gespannt, was sie mir in zwei Wochen auf Englisch berichten wird …

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Kommentare: 2
  • #1

    Nici (Freitag, 08 April 2016 01:43)

    Du? Eine Woche kaum sprechen? :-)

  • #2

    stepi (Freitag, 08 April 2016 08:02)

    haha – alles ist möglich ;-)