Wenn plötzlich die Erde bebt …

„Chicas, que quieren comer?“ (Mädchen, was möchtet ihr gerne essen?) Ich bin mit J und ihren Töchtern unterwegs zu einer Theateraufführung. Auf dem Weg dorthin machen wir beim Quicentro einen Stopp, um etwas Kleines zu essen. Wir haben endlich einen Stand gefunden, wo wir das kriegen können, was wir möchten – visavis der Playzone im vierten Stock dieses gigantischen Einkaufszentrums. Draussen regnet es – wir sind mit Js Auto unterwegs und bei nassen Strassen ist es hier noch gefährlicher Auto zu fahren … Doch im Moment ist das Auto in der Tiefgarage und wir überlegen immer noch, was wir bestellen wollen. Und dann geht plötzlich das Licht aus und wieder an und irgendwie fühlt es sich komisch an, zu stehen, als ob sich der Boden bewegen würde. Ein Spektakel der Playzone? Schon ziemlich krass, wenn sich das jedes Mal so anfühlt, wenn die Achterbahn fährt. Und es wird immer stärker … irgendwie bewegt sich alles. Was ist hier los? Plötzlich merke ich, wie die kleine Mar sich an mich klammert und wie ich mich meinerseits am Tresen festhalten muss, um nicht umzufallen. Dann geht alles ganz schnell. Ich erinnere mich an das verängstigte Gesicht eines weinenden Kindes, ein paar Teenies, die in Richtung Treppen rennen wollen und umfallen, Geschrei, Leute die das Essen fallen lassen, das Licht geht aus, dann geht es wieder an, Leute flüchten unter die Tische, ich drücke mich fest an die Wand hinter mir, wir müssen uns an den Boden setzen … Was ist das? Und wieso hört das nicht auf? Dann nehme ich wahr, wie die Stühle umfallen und die Tische hin- und herschieben. Ich schaue zur Decke – in dem Moment wo mir so vage bewusst wird, dass dies ein heftiges Erdbeben sein muss – und frage mich, sind wir in Sicherheit, oder kann hier etwas auf uns herabfallen? Da sehe ich, wie die Lampen ganz heftig hin- und herschwingen und sogar die Eisenträger an der Decke schwingen mit den Lampen im Takt. Wie soll man reagieren? Ich habe Angst. J neben mir ist ganz bleich und still. Die Mädchen realisieren noch nicht wirklich … Wie kommen wir hier nur heil zum Ausgang? Und dann endlich, nach den wahrscheinlich längsten 40 Sekunden meines Lebens, wird es wieder ruhig. Wir stehen langsam und unsicher auf – überall verwirrte und verängstigte Gesichter. Die Leute kriechen unter den Tischen hervor. Und was nun?

Da kommt unser Essen. Nicht ganz bei Sinnen setzen wir uns tatsächlich an einen Tisch und verspeisen ein paar Pommes. Da geht plötzlich ein Alarm los und der Durchsage können wir entnehmen, dass alle das Gebäude unverzüglich verlassen müssen – man erwarte ein Nachbeben. Nichts wie raus hier. Immer noch nicht ganz bei Verstand laufen wir doch tatsächlich in die Tiefgarage zum Auto. Ein Glück steht es in der Nähe des Ausgangs. Beim Betreten der Tiefgarage habe ich einen kleinen Schock: Überall auf dem Boden und auf den Autos liegen Zemetbrösel und -stücke, die von der Decke gefallen sind. Zudem sind viele Autos vertutsch, da sie während des Bebens mit den Autos oder Säulen nebenan zusammengekracht sind. Im Nachhinein ist es wirklich nicht die schlauste Entscheidung gewesen – hätte es ein starkes Nachbeben gegeben, wären wir in der Tiefgarage mit Sicherheit am gefährlichsten Ort gewesen … Doch wir haben Glück und sind im Nu draussen. Vor dem Gebäude stehen zahlreiche Leute und auf der Strasse stehen viele Autos herum, da die Insassen ausgestiegen sind. Unser Plan ist dann gewesen, so schnell wie möglich zu einem offenen Platz zu kommen – wir fahren also zu dem Theater, wo wir ursprünglich hin wollten, da das ganz in der Nähe ist. Dieses Theater ist ein Kulturzentrum eines Barrios, so eine Art Zelt auf einem grossen Platz. Auf diesem Platz fühlen wir uns dann einigermassen sicher, da weit und breit nichts ist, das auf uns hätte fallen können … Also warten wir da … und warten … Wir versuchen Familie, Freunde und Bekannte zu erreichen, aber wir haben kein Signal … zudem sind wir ganz ohne Informationen – das Handy funktioniert nicht, ein Radio haben wir nicht, kein Strom etc. Niemand weiss da genau, was eigentlich los ist. Viele denken, der Cotopaxi sei „erwacht“.

Wir blicken zu dem Hügel, wo unser Barrio liegt – alles ganz finster, nicht ein Lichtlein am ganzen Hang. So gegen zehn Uhr wagen wir uns auf den Heimweg. Das Barrio wirkt wie eine Geisterstadt – kein einziges Licht und dazu noch dichter Nebel. Als wir hinein fahren, bemerken wir, dass alle Leute auf der Strasse sind. Alle sitzen in Decken eingepackt draussen auf dem Trottoir. Niemand wagt sich, in die Gebäude zu gehen, da alle wissen, dass sie schlecht gebaut sind und bei so einem starken Beben mit grosser Wahrscheinlichkeit einstürzen. Und alle warten vor ihrem Haus – das kommt mir komisch vor, ich würde auf den Fussballplatz gehen. Da erklärt man mir, dass solche Situationen ausgenutzt werden, um die Häuser leer zu räumen. Ich kann meinen Ohren fast nicht trauen – dass es so skrupellose Menschen gibt, die solche Situationen noch ausnutzen, um anderen Menschen noch mehr zu schaden … Alle haben Angst vor Einbrüchen und Diebstählen und wollen sich daher nicht zu weit von ihrer Wohnung entfernen.

Wir sitzen uns einige Zeit in den VW-Bus von Js Familie. All ihre Geschwister und ihre Eltern sind zuhause als die Erde zu beben beginnt. Ein Bruder von ihr sei sogar ohne Schuhe raus gerannt, solche Angst hätte er gehabt. Im Auto erfahren wir dann über das Radio endlich ein paar Informationen. Es heisst, ganz in der Nähe sei ein Gebäude von drei Etagen eingestürzt und es gäbe Tote in Quito – aber an der Küste solle es ganz schlimm sein … Um nicht einzuschlafen machen wir eine Runde durchs Barrio – überall Leute, mit allen beginnt man darüber zu sprechen. Alle haben Angst. Was nun? Kommt noch ein Beben, oder ist es vorbei? Kann man hineingehen, oder noch nicht? Und was macht man am besten, wenn es wieder zu beben beginnt? J und ich sind uns einig, dass wir ein bisschen in ihrem Auto schlafen wollen und sobald wir etwas spüren, sofort zum Fussballplatz rennen. Die Mädchen sind auch langsam müde, und so machen wir es uns im Auto bequem und schlafen bzw. liegen ein bisschen. Komisches Gefühl.

So gegen 2 Uhr entscheiden wir dann, in Js Wohnung zu gehen und dort ein bisschen zu schlafen. Ich bin so froh, dass ich mit ihnen unterwegs gewesen bin, und nicht alleine in der Wohnung. Und ich bin auch sehr dankbar, dass ich bei ihnen schlafen kann, und nicht alleine in meiner Wohnung. Irgendwann am Abend hat mich dann zum Glück auch noch Marco erreichen können. Ich bin sehr froh, geht es ihnen allen gut und ist nichts passiert. Wäre ich alleine gewesen, wäre ich wahrscheinlich hinunter zur Fundación gegangen.

Ich bin todmüde und schlafe tatsächlich ein – um dann kurz nach drei Uhr morgens von einem erneuten, aber durchaus schwächeren, Beben aus dem Schlaf gerissen zu werden. Ich springe aus dem Bett, renne zur Wohnungstür. J und die Mädchen sind noch im Bett – gerade will ich sie rufen, da ist alles wieder ruhig. Aus dem Fenster sehe ich, dass die Nachbaren auf die Strasse geflüchtet sind. Ich warte noch einen Moment ab, alles bleibt ruhig – es scheint nur ein ganz leichtes Nachbeben gewesen zu sein. Dann gehe ich zurück ins Bett und liege noch ein paar Stunden im Halbschlaf herum.

Am Sonntagmorgen geht dann endlich der Strom wieder und mein Handy hat wieder Empfang. Die Nachricht des Erdbebens ist schon um die Welt gegangen und dementsprechend hört mein Whatsapp gar nicht mehr auf, Nachrichten herauszuspuken. Wir können endlich Fernseh schauen und was wir da sehen, erschüttert uns zutiefst. An der Küste, wo das Epizentrum des Erdbebens liegt, scheint alles zerstört zu sein, Strassen, Gebäude, … nichts steht mehr. Es wird von mehreren Hundert Toten und noch mehr Verletzten gesprochen, von Millionenschäden und von Einzelschicksalen. Den ganzen Morgen schauen wir Nachrichten. Es ist schon eine ungerechte Sache, genau an der Küste, wo sowieso schon die Ärmsten leben, ist der Schaden am grössten und die Leute werden dadurch noch ärmer …

Wir haben keine Lust, etwas zu unternehmen und bleiben lieber im Barrio – es heisst, 72 Stunden müsse man jetzt noch in Bereitschaft sein, da gebe es mit grosser Wahrscheinlichkeit noch Nachbeben. Also machen wir einen Filmnachmittag und versuchen, uns ein bisschen zu beruhigen.

 

Am Montagmorgen ist das grosse Thema mit den Kids in der Fundi natürlich das Erdbeben. Wo ist man in dem Moment gewesen, wie hat man sich gefühlt, hat man Angst gehabt, wie hat man reagiert … Alle Geschichten sind ausgetauscht worden. Ein Kleiner erzählt, er sei aus dem Bett gefallen, ein anderer hat sich den Kopf angestossen, einige berichten, sie hätten geweint und ziemlich Angst gehabt. Ich bin unglaublich froh, sind alle wohlauf und hat keines der Kinder irgendeinen Schaden davongetragen – auch alle Häuser würden noch stehen, bestätigen sie mir.

So ein Beben haben die Kinder hier noch nie erlebt. Auch Alba sagt, dass sie noch nie so ein starkes Beben gespürt habe. Deshalb macht sie mit den Kindern auch einen Crash-Kurs bezüglich, wie man reagieren soll, was man machen muss – sowohl in der Fundación wie auch zuhause. Die Kinder müssen wissen, worauf sie achten müssen, wo sie sich in Sicherheit bringen können und was sie auf keinen Fall machen dürfen …

 

Es wird Jahre dauern, bis die Schäden an der Küste repariert sind und die Leute wieder ein richtiges Zuhause haben. Im Moment wird im ganzen Land gesammelt und gespendet, Wasser, Decken, Nahrungsmittel, Geld … Und die Medien berichten den ganzen Tag über die Beben, wie Menschen aus den Trümmern haben gerettet werden können, wie es nun weitergehen soll usw. In den Schweizer Medien ist von alldem schon nichts mehr zu lesen … noch interessant, wie unterschiedlich die Berichterstattung ist. Und wie „bedeutungslos“ so etwas für ein anderes Land, am anderen Ende der Welt ist, während es hier momentan und wahrscheinlich noch für lange Zeit nichts vergleichbar Wichtiges zu berichten gibt. Die Welt ist klein, pflegt man zu sagen, aber manchmal scheint sie eben schon gross zu sein und dann ist man froh, sind gewisse Sachen „weit weg“. Spannend zu beobachten …

 

Insgesamt hat es anscheinend über 200 Nachbeben gegeben, bis sich die Erde wieder beruhigt hat … Habe ich jetzt Angst, hier zu sein? Kann ich gut schlafen? Nein, ich habe keine Angst und ich schlafe – man kann ja sowieso nichts machen, sich weder darauf vorbereiten noch jede Sekunde in Sicherheit sein … Diese Woche habe ich wieder mit den Kindern gespielt, gelernt und die Hausaufgaben gemacht, gelacht, die Sonne und die fröhlichen Momente genossen … was auch sonst …


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Kommentare: 1
  • #1

    Eliane (Freitag, 22 April 2016 11:28)