Zerrissener Pulli, die Hände pechschwarz vom Schuhputzmittel, Hundeblick und viel zu jung, um alleine durch die Strassen zu ziehen – niños trabajadores

Umso grösser die Entfernung, desto kleiner werden sie – ich schaue ihnen nach, bis sie hinter einer Ecke verschwunden sind. Ist dieses eines jener Bilder, die sich für immer einprägen, frage ich mich. Die zwei kleinen Jungs, mit ihren kaputten Pullis, zu kurzen Hosen und jeder eine Holzschachtel in der Hand, in der die Schuhputzutensilien verstaut sind. Einer ist ein bisschen grösser, ein bisschen schlanker, sicherlich der ältere, er fragt auch direkter, sicherer. Der Kleine ist nicht älter als 5 Jahre … Dennoch sind sie schon geübte Strassenkinder, das merkt man – wie sie gehen, wie sie fragen, wie sie schauen … Doch wie war es wohl für sie beim ersten Mal? Wie ist es dazu gekommen? Wo sind ihre Eltern? Wer schickt sie? Sind sie alleine hier oder werden sie überwacht? Steckt womöglich eine Mafia dahinter? Wehren sie sich oder gehen sie freiwillig? Was machen sie mit dem Geld? Sie würden sicher lieber spielen, als auf der Strasse den Touristen die Schuhe putzen? Wie funktioniert das alles genau mit diesen arbeitenden Strassenkindern?

So viele Fragen gehen mir durch den Kopf. Ich bin wütend auf die Eltern, die ihre Kinder am Wochenende auf die Strasse schicken, damit sie ein paar Dollars verdienen, die die Erwachsenen dann versaufen und hinterher betrunken die Kinder verprügeln, mit dem Vorwurf, sie hätten mehr Dollars auftreiben sollen. Es gibt sogar Eltern, die ihre Kinder und Teenager, zwischen 9 und 15 Jahren, Drogen verkaufen lassen – in gefährlichen Vierteln, wo sich nur Kriminelle herumtreiben. Denn wenn die Kinder erwischt werden, geschieht ihnen strafrechtlich nichts, da sie nicht volljährig sind und unter Minderjährigenschutz stehen … Es ist wohl selbsterklärend, dass die Zukunft dieser Kinder solange eine kriminelle sein wird, bis sie für Jahre eingebuchtet werden. Wenn sich das Betteln, Schuheputzen oder Drogenverkaufen als lukrativ erweist, brechen viele Kinder mit 12, 13, 14 Jahren die Schule ab, um nur noch auf der Strasse ihre Dollars zu verdienen. Und anstatt viel zu gewinnen, verlieren sie alles – nämlich ihre Zukunft.

Und ich bin unendlich traurig, wenn ich an die Kinder denke … Ein Kind muss doch beschützt, versorgt, erzogen und geliebt werden. Es hat das Recht, Kind zu sein, verrückt, verantwortungslos, unwissend, unschuldig und naiv. Wenn es traurig ist, sollte es in den Arm genommen werden, wenn es übermütig ist, sollte es ermahnt werden, wenn es Dummheiten macht, sollte es erzogen werden …

Ich schaue diesen beiden Jungs von den Treppen der Iglesia de San Francisco aus nach. Obwohl ich weiss, dass man diesen Kindern kein Geld geben darf, da man damit diese Arbeit nur noch unterstützt, brachte ich es nicht übers Herz und drückte jedem einen Dollar in die Hand, ohne mir die Schuhe putzen zu lassen. Wie absurd wäre das auch, sich von einem Kind die Schuhe putzen zu lassen? Unmöglich … Ein dankbares Lächeln huschte – kaum wahrnehmbar – über ihre Gesichter und sie schlenderten davon, quer über den ganzen Platz. Die Holzschachtel schwingt an einer Hand, sie reden, schauen sich an, lachen, … Wo sie wohl hingehen? Wo und wie wohnen sie? Was sie wohl denken?

Das süsse Gesicht eines kleinen dunkelhäutigen Jungen reisst mich aus meinen Gedanken. „Una cartera por un dolar“ bietet er mir an, in der Hand ein ganzes Bündel Stoffgeldsäcke. Ich sage nein danke und er insistiert nicht weiter, sondern geht weiter zum nächsten potentiellen Käufer.

Zufällig streift mein Blick eine ältere und eine jüngere dunkelhäutige Frau, die am Ende der Treppe in einer Ecke sitzen, sie schütteln den Kopf, beobachten den Jungen. Die Mutter und die Schwester? Auch der nächste potentielle Käufer schüttelt den Kopf und der Junge geht weiter – ein Anfänger, so scheint es. Beim Weiteraufsteigen stolpert der Kleine, ich schaue zur „Mutter“, sie schüttelt wieder den Kopf, macht keine Anstalten aufzustehen, der Junge schaut traurig in ihre Richtung – nichts. Ein Tourist, genau vor dessen Füsse er gefallen ist, hilft ihm auf und kauft ihm dann einen Stoffgeldsack ab. Der Junge ist glücklich – dennoch denke ich, hofft er vergeblich auf ein lobendes Wort der Mama. Wahrscheinlich rät sie ihm sogar noch, häufiger umzufallen, das würde beim Verkaufen unterstützend wirken …

Derselbe Tourist lässt sich kurz später auch von einem weiteren kleinen Schuhputzer-Jungen seine Trekking-Sandalen putzen. Diesen Anblick ertrage ich fast nicht. Der schneeweisse Obertouri mit Strohhut und Sandalen zückt dann nicht tatsächlich seine Nikon Spiegelreflexkamera und fotografiert den Jungen beim seine Sandalen polieren … Ein absurdes und abstossendes Bild – dieser Kontrast.

Ich weiss, der Mann, der dem Jungen dann 5 Dollar in die Hand drückte, wollte dem Kleinen nur „etwas Gutes tun“. Aber so …? Habe ich wohl auch so arrogant ausgesehen, als ich den Jungs die Dollars gab?

 

Ist der Kampf gegen arbeitende Strassenkinder wirklich ein hoffnungsloser?

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Kommentare: 1
  • #1

    Eliane (Montag, 02 Mai 2016 15:42)

    Ja das ist ein aussichtsloser Kampf